Das Wasser des Lebens — reloaded

Im Jahr 2001 wurde Mainstockheim aus seinem musikalischen Dornröschenschlaf geweckt. Das Musical ‘Das Wasser des Lebens’ erlebte an vier Abenden einen großen Publikumserfolg. Zwölf Jahre später wagen wir uns erneut an die Aufführung dieses Musicals.
Gänzlich überarbeitet und mit einer neuen Generation von Mitwirkenden. Der Kinder- und Jugendchor Young Harmony hat sich inzwischen weiterentwickelt und mit den Musicalaufführungen der letzten Jahre mehrfach Bühnenerfahrungen gesammelt. Das bedeutete für mich, dem Werk in jeder Hinsicht eine Frischzellenkur zu verpassen.

Nach der Überarbeitung wurde mir schnell klar: ‘Das Wasser des Lebens – reloaded’ ist nicht einfach nur eine Wiederholung, sondern ein gänzlich neues Stück. Was die wenigsten wissen: Die ersten Stücke des Musicals entstanden zwischen 1992 und 94 und waren Teil eines geplanten zweiten Studioalbums der Projektband Extratracks (Ralf Jungmeier, Uwe Ungerer und Gastmusiker). Nach unserer ersten gemeinsamen CD ‘Age of Confusion’ wagten wir uns an die Entstehung eines weiteren Albums. Ralf Jungmeier entwickelte ein neues Konzept, schrieb eine ganze Reihe neuer Lyrics, während ich mich der musikalischen Umsetzung widmete.
Die Geschichte von Daron sollte als 20-minütiges Lied mit dem Titel ‘The One´s Ordeal’ Zentrum und Bindeglied aller anderen Songs auf dem neuen Album werden. Leider blieb das Album unvollendet. 1998 begann ich mich erneut mit dem vorhandenen Material auseinanderzusetzen.
Schon vor der Gründung von Young Harmony dachte ich über eine theatralische Umsetzung dieses zeitlosen Stoffes nach, in dem es um die vielfältigen Herausforderungen des Lebens geht, die alle Menschen jeden Alters berühren. Da Ralf Jungmeiers englische Texte zum Teil nicht sehr kindertauglich waren, ging der musikalischen Arbeit eine umfangreiche, auch inhaltliche Bearbeitung voraus. Motivisch beruht die Geschichte auf dem Science Fiction-Roman ‘Dune – der Wüstenplanet’ von Frank Herbert. Natürlich hat Ralf Jungmeier eine eigene Geschichte geschaffen, die nur kleine Anleihen bei Herberts Monumentalepos nimmt, dessen Geschichte wiederum selbst andere Einflüsse erkennen lässt, wie z. B. durch die Geschichte von Parsifal, der sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral macht.

In unserem Musical geht es um den Königssohn Daron, der sich zunächst widerwillig aufmacht, um das Wasser des Lebens zu finden und dabei gefährliche Prüfungen bestehen muss. Die Möglichkeit einer Überarbeitung bot mir die Gelegenheit, den Inhalt, aber auch die Komposition neu zu überdenken und den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Im Gegensatz zur Uraufführung gibt es in der neuen Fassung keinen Erzähler mehr, der die einzelnen Szenen durch vorgelesene Texte verbindet. Das Stück ist jetzt durchkomponiert wie eine Oper, gesprochene Dialoge gibt es nur sehr wenige, ein paar neue Musikstücke sind hinzugekommen.
Die Texte habe ich zeitgemäßer gestaltet, was auch zu inhaltlichen Veränderungen führte. Daron etwa ist nicht mehr der vorbestimmte ‘Ritter ohne Furcht’, sondern ein verwöhnter Königssohn, der erst im Laufe seiner Reise an innerer Größe gewinnt und zu einem verantwortungsbewussten jungen Mann heranreift.

Die derzeitige Alterspanne unserer ca. 50 Sänger von immerhin 15 Jahren würde es nur schwer zulassen, alle auf einer Bühne sinnvoll und glaubwürdig zu vereinen. Im Jahr 2001 stellte sich diese Frage noch nicht. Aber jetzt musste ich auch in der Aufgabenverteilung innerhalb des Chores neue Wege gehen.
So übernimmt nun jede Altersgruppe einen auf sie abgestimmten Part: Der Jugendchor (15 bis 22-Jährige) begleitet in komplexen, drei- bis vierstimmigen Arrangements die Sänger und Darsteller auf der Bühne. Die Hauptrollen werden vornehmlich von Mitgliedern des Kinderchores (10 bis 15-Jährige) übernommen. Die Kleinsten, die Rainbow Kids (7 bis 10-Jährige), dürfen bei etlichen Massenszenen ebenfalls ihr Können auf der Bühne zeigen.

Zusätzlich zu den elektronischen Klängen des Playbacks schrieb ich Musik für ein fünfköpfiges Ensemble, das die Begleitmusik mit live gespielten Streicherklängen veredeln wird. Nachdem bei den Musicals der letzten Jahre verstärkt Band-Instrumente wie E-Gitarre, Bass und Schlagzeug zum Zuge kamen, wollte ich durch den Einsatz von klassischen Streichinstrumenten neue klangliche Akzente setzen.

Die von Timo Weinkirn hervorragend und teilweise surreal ausgedachte Bühnenkonzeption unterstützt meine Musik sowie die Geschichte weit intensiver und tiefgehender, als es die eher naturalistisch angehauchten Kostüme und Requisiten der Uraufführung je hätten leisten können.

Die unter der Regie von Dominic Weinkirn entstandenen sechs Videoeinspieler verbinden die Szenen des Musicals auf amüsante Weise. Ich wollte bewusst die Stimmung und geschlossene Konzeption dessen, was auf der Bühne zu sehen und zu erleben ist, mit komödiantischen Einspielern brechen und damit den Bezug zu unserer Realität herstellen. Die Mischung aus Parodie unserer Medienkultur und dem bildhaften Ernst eines Märchens stellt für mich einen außergewöhnlich reizvollen Aspekt dar.

Myriam Trunk, Mitarbeiterin von Imogen Danson-Eggers ‘Danson Dance Studio’ Rimpar, zeigt sich – nach ihrer fantastischen Choreografie für den Traumtanz im Musical ‘Traum Theater’ 2009 – erneut für eine Dance-Einlage verantwortlich. Diesmal erleben wir die jungen Tänzerinnen im Geistertanz (2. Akt). Schon bei der Urfassung des Musicals 2001 beeindruckten die Tänzerinnen mit einer eigens einstudierten Modern Dance-Choreografie. Dass sich hier ein weiterer Kreis zu 2001 schließt, stimmt mich persönlich besonders glücklich.

Zum Schluss möchte ich den letzten Satz eines Textes aus dem 2001 entstandenen Buch zur Musicalaufführung zitieren, denn er passt immer noch: “...ich bin sehr froh, dass die Musik nach all den Jahren (...) ein Publikum überraschen wird. So hoffe ich, dass diese Reifezeit das Werk positiv beeinflusst hat, und dass sich möglichst viele Menschen auf eine musikalische Entdeckungsreise schicken lassen. Vielleicht kann sich ja der ein oder andere Hörer ebenso staunend an der Musik erfreuen, wie die Autoren es schon seit der Entstehung der ersten Stücke im Jahr 1992 getan haben.“ Uwe Ungerer

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